Am Kiosk wirkte das Cover von Action Comics Nr. 252 (Coverdatum Mai 1959) zunächst wie ein typisches Superman-Heft – bis man genauer hinsah. Neben dem Mann aus Stahl stand ein junges Mädchen im vertrauten roten Umhang, das verblüfft auf seine eigenen Kräfte blickte. Mit der Geschichte „The Supergirl from Krypton!" führte DC Comics eine Figur ein, die aus dem Superman-Mythos einen ganzen Kosmos machte: Supergirl.
Wer ist Kara Zor-El?
Erschaffen von Autor Otto Binder und Zeichner Al Plastino, ist Supergirl alias Kara Zor-El die Cousine von Superman. Ihre Herkunft knüpft unmittelbar an Supermans Ursprung an: Als der Planet Krypton zerstört wurde, überlebte ein Teil der Stadt Argo City auf einem abgesprengten Felsbrocken. Erst als auch dort eine Katastrophe drohte, schickten Karas Eltern – Zor-El, der Bruder von Supermans Vater Jor-El, und seine Frau Alura – ihre Tochter in einer Rakete zur Erde, genau wie einst Kal-El.
Unter der gelben Sonne der Erde verfügt Kara über dieselben Fähigkeiten wie ihr berühmter Cousin. In ihrem ersten Auftritt nimmt Superman sie unter seine Fittiche, hält ihre Existenz aber zunächst geheim: Als „Linda Lee" wächst sie in einem Waisenhaus in Midvale auf und trainiert im Verborgenen ihre Kräfte – seine „Geheimwaffe", bis die Welt bereit für eine zweite Heldin aus Krypton ist.
Warum das Debüt so bedeutend war
Supergirl war kein Zufallsprodukt. Bereits 1958 hatte DC mit einer „Super-Girl"-Probefigur getestet, wie das Publikum auf eine weibliche Variante reagieren würde. Die Resonanz auf Kara Zor-El in Action Comics Nr. 252 war so stark, dass aus der „Geheimwaffe" eine feste Größe wurde: Supergirl bekam eigene Serien, einen festen Platz im Superman-Umfeld und entwickelte sich zu einer der wichtigsten weiblichen Figuren des gesamten DC-Universums.
Damit reiht sich Nr. 252 in die Liste der großen Schlüsselausgaben der Action-Comics-Reihe ein – gemeinsam mit dem Superman-Debüt in Nr. 1 (1938) und dem ersten Auftritt von Brainiac nur ein Jahr zuvor in Nr. 242 (1958). Action Comics war in dieser Phase die Geburtsstätte eines ganzen Ensembles.
„Es ist die Supergirl aus Krypton – und sie wird meine Geheimwaffe sein, bis die Welt bereit ist, sie kennenzulernen."
Vom Silver Age zur Ikone
Supergirls Weg verlief nicht ohne Brüche. In der vieldiskutierten Storyline „Crisis on Infinite Earths" (1985) starb Kara einen heroischen Tod und verschwand für Jahre aus der Kontinuität. Doch ihre Popularität war zu groß: Sie kehrte zurück, wurde neu interpretiert und ist heute fester Bestandteil von Comics, Zeichentrickserien und Realserien. Spätestens die TV-Serie Supergirl (2015–2021) machte sie einem Millionenpublikum vertraut.
2026: Supergirl erobert das Kino
Genau hier schließt sich der Kreis zwischen 1959 und heute. Am 26. Juni 2026 startet mit „Supergirl" der neue Kinofilm von DC Studios – der zweite Film im rebooteten DC-Universum (DCU) nach James Gunns Superman (2025). Regie führt Craig Gillespie, das Drehbuch stammt von Ana Nogueira, und in der Hauptrolle der Kara Zor-El ist Milly Alcock („House of the Dragon") zu sehen.
Die Handlung orientiert sich an der gefeierten Comicvorlage „Supergirl: Woman of Tomorrow" von Tom King und Bilquis Evely: Statt einer rein erdgebundenen Heldengeschichte erzählt der Film eine kosmische Reise quer durch die Galaxis. An Karas Seite steht das junge Alien-Mädchen Ruthye, das Rache für den Tod seines Vaters sucht. Diese Kara ist härter und desillusionierter als frühere Versionen – geprägt von den Jahren, in denen sie als Jugendliche den Untergang ihrer Heimat mit ansehen musste, bevor sie überhaupt die Erde erreichte.
Auffällig ist, wie eng der Film an die Ursprünge anknüpft: Ihre kryptonische Herkunft, die Verbindung zu Superman (David Corenswet hat einen Auftritt als Clark Kent) und ihr Status als Überlebende einer untergegangenen Welt – all das wurde im Kern bereits 1959 in Action Comics Nr. 252 angelegt. Was als „Geheimwaffe" eines einzelnen Hefts begann, trägt fast sieben Jahrzehnte später einen kompletten Kinofilm.
Warum sich der Blick zurück lohnt
Wer den neuen Film sieht, hält im Grunde das Ende einer langen Linie in den Händen, die mit einem zehn Cent teuren Heft begann. Action Comics Nr. 252 ist heute ein begehrter Key Issue; hochwertig erhaltene Exemplare erzielen auf Auktionen fünfstellige Beträge. Doch unabhängig vom Sammlerwert zeigt das Heft, wie aus einer einzigen guten Idee – Superman bekommt Verstärkung aus Krypton – eine Figur entstand, die Generationen überdauert.
Die ganze Bandbreite der Action-Comics-Geschichte und alle wichtigen Meilensteine von 1938 bis heute finden Sie in unserer Übersicht aller Ausgaben. Und wer das Heft besitzen möchte, mit dem die gesamte Saga ihren Anfang nahm, wird beim Reprint von Action Comics Nr. 1 fündig.